Wieso habe ich Claude Code eingesetzt bei der Erstellung von Lehrinhalten?
Ich habe ein massives Problem, und das heißt Zeitmanagement. Ich schiebe fast alles auf bis auf den letzten Drücker und wenn die Aufgabe eine harte Deadline hat, führt das unweigerlich zu einem Problem, dass es in der verbleibenden Zeit nahezu unmöglich noch schaffbar ist und vor allem nicht, wenn ich dem Anspruch, den ich an mich habe, gerecht werden möchte. Und da kommen LLMs und AI‑Agents ins Spiel, weil diese es wieder schaffbar machen. Und gepaart mit meiner durchaus existierenden Neugierde, diese AI‑Tools und deren Fähigkeiten auch mal richtig kennenzulernen, kam es dann zur Verwendung von Claude Code am Wochenende vor meiner ersten Vorlesung in diesem Semester.
Mein erster größerer Einsatz von LLMs
Das erste Mal, dass ich ein LLM nicht nur für kleinere Aufgaben eingesetzt habe, war Mitte 2025, als ich ein Paper zu unserem IoT‑Kurs schreiben wollte für einen Workshop bei einer Konferenz. Das Konzept für das Paper stand schon eine ganze Zeit, aber ich hatte es nicht geschafft, mehr als Fragmente zu schreiben. Als ich an einem Morgen ins Submission-System geguckt habe und davon ausging, dass es noch 48 Stunden bis zur Deadline sind, musste ich feststellen, dass es nur noch 24 Stunden waren. Das hat eine gewisse Panik ausgelöst und an dem Nachmittag habe ich dann angefangen, mit Gemini an dem Paper zu arbeiten, und nach dem Abschluss eines Probeabos mit der Pro-Version das Paper rechtzeitig fertig bekommen und auch den Code für Plots zur Darstellung der Evaluation generieren lassen. Es ist definitiv nicht mein bestes Paper, aber die Erfahrung hat Spaß gemacht und mir gezeigt, dass ich, auch wenn ich etwas eigentlich zu lange aufgeschoben habe, es mithilfe von LLMs noch rechtzeitig fertig bekommen kann.
Andere Aufgaben, für die ich LLMs genutzt habe
Neben dem Last-Minute-Schreiben eines Papers, habe ich LLMs gelegentlich für andere Aufgaben eingesetzt und neben kurzen Chats zu einzelnen Themen waren die folgenden “etwas größeren” Einsätze:
- Als Formulierungshilfe in der Einleitung meiner PhD‑Thesis (Ende 2023)
- Bei der Erstellung von akademischen Bewerbungsunterlagen
- Zur Erstellung von Klausuraufgaben und Prüfungsfragen
- Zur Überarbeitung und für Textkürzungen bei einem Projektantrag
- Zur Recherche zu verwandter Forschung (Perplexity)
Mein erster Einsatz von Claude Code
Generell hatte ich, seit Claude Code Anfang letzten Jahres (Februar 2025) veröffentlicht wurde, den Wunsch, das irgendwann mal auszuprobieren. Im Laufe des letzten Jahres wurde der Wunsch dann aber mit der Zeit kleiner und dieses Jahr war er lange nicht präsent, auch aufgrund der Stimmung in Bezug auf generative KI in meinem privaten Umfeld und in meiner Bubble im Fediverse. Durch die sehr verbreitete Verwendung von AI‑Agents in meinem Arbeitsumfeld hat es aber in letzter Zeit auch mein Interesse weiter geweckt und Doktorand*innen, die ich derzeit co-betreue, nutzen generative KI ausgiebig. Ich wollte es aber nicht für irgendetwas Sinnloses nutzen (wie Kolleg*innen bei einem Retreat im September) und ich hatte lange Zeit kein Claude-Abo. Letzteres habe ich jetzt als Wissenschaftlerin gratis (die 20‑$/Monat-Version, ohne dafür zahlen zu müssen). Und ja, nur weil ich den Zugriff habe, bedeutet es nicht, dass ich es einsetzen muss.
In der Woche vor dem Wochenende des Einsatzes von Claude Code hätte ich die Zeit gehabt, meine Lehre vorzubereiten, aber ich hatte keinerlei Motivation dazu, dies tatsächlich zu tun. Und an einzelnen Tagen hatte ich ein Problem, das ich häufiger habe: Die Anzahl der Sachen, die ich zu erledigen habe, löst manchmal solch einen Stress aus, dass ich wie gelähmt bin und einfach gar nichts schaffe. Eigentlich wusste ich auch schon seit Monaten ziemlich genau, was ich für das Modul wollte und wie die Inhalte aussehen sollten, aber dazu tatsächlich die Projektbeschreibung für die Studierenden und die Slides zu erstellen, hat es bis zum Freitag vor meiner ersten Vorlesung (die war am darauffolgenden Montag) nicht geführt.
Und nach einem 10‑stündigen Arbeitstag, an dem ich auch wieder nichts Inhaltliches für meinen Kurs geschafft hatte, überwog dann die Neugier, es mal mit Claude Code zu versuchen, und damit kam auch die bis dahin fehlende Motivation. Und die neue Art, an den Kursinhalten zu arbeiten, hat auch (teilweise) Spaß gemacht und eine Freude an dem Kurs ausgelöst, die auch über das Wochenende hinaus geblieben ist.
Der Kurs, für den ich mithilfe von Claude Code (konkret: Claude Opus 5.5) Inhalte erstellt habe, ist eine deutliche Erweiterung dessen, was ich als Labs in einem IoT‑Kurs vor 2 Jahren angeboten hatte (und auch im Paper, das mithilfe von Gemini entstanden ist, beschrieben habe). Der Kurs von vor 2 Jahren gab mir aber einen guten Grundstock an Aufgabenbeschreibungen für die Studierenden und an Folien.
Die Vorlesungsfolien
Das Problem bei den existierenden Folien war, dass diese mit iAPresenter erstellt waren und ich zu dem Programm keine Lizenz mehr habe, aber die Inhalte lagen als Markdown vor. Damit war es notwendig, auf eine andere Software umzusteigen, und da ich mir schon länger mal Typst angucken wollte und auch ein Template für Slides im Design der Uni, an der ich arbeite, gefunden hatte, lag die Entscheidung recht nahe. Nur leider hatte ich keinerlei Erfahrung mit Typst, aber Claude Code konnte problemlos die alten Folien in Typst neu erstellen und Formatierungswünsche von mir einarbeiten. (Ich habe mir das alles in der vergangenen Woche nochmal genauer angeguckt, um zu lernen, wie ich ohne AI‑Agents Slides mit Typst erstelle.) Außerdem war Claude Code in der Lage, nach meinen Wünschen Inhalte, die bisher nicht in den Slides vorkamen, in einer Geschwindigkeit zu ergänzen, sodass ich trotz nötiger Durchsicht massiv Zeit gespart habe.
Bei Slides war es tatsächlich das erste Mal, dass ich KI für die Inhalte genutzt habe. Bisher beschränkte es sich maximal auf das Brainstorming einer Outline.
Wie war es, diese Folien zu nutzen?
Es fühlte sich teilweise so an, als würde ich eine Vorlesung halten, mit Folien, die ich von jemand anderem übernommen und nicht selbst erstellt habe. Also weder ungewohnt in der Art noch perfekt, aber an sich verwendbar. Aber auch nicht so, dass ich mich mit den Folien perfekt wohlgefühlt habe. Speziell manche Folien waren viel zu detailliert und etwas unpassend. Daher brauche ich für die nächste Woche meine eigenen Folien. Ich habe jetzt aber auch wieder die nötige Motivation, um für die folgenden Sessions Slides händisch zu erstellen. (Und ja, ich habe die Slides für die nächste Vorlesung ohne KI erstellt. Mit einer Ausnahme: Die Suche im Internet hat mir nicht geholfen, herauszufinden, wie ich die Foliennummer in touying zurücksetze, und dann habe ich ein LLM gefragt.)
Die Projektbeschreibung (ehemals Lab-Sheets)
Die Projektbeschreibung mit Claude-Code zu erstellen, war die eigentliche Idee. Ich dachte, eine Erklärung und die alten Lab-Sheets sollten es dem AI‑Agenten ermöglichen, ein gutes Ergebnis für die Studierenden zu produzieren. Während Nachbesserungen hier und da notwendig waren, ist eine gute und ausführliche Projektbeschreibung entstanden. Und speziell für die Ausführlichkeit wäre ich zu faul gewesen und hätte auf die Slides verwiesen, aber an sich ist es schon besser, wenn alle wichtigen Informationen in einem Dokument zusammengefasst sind.
Ein paar Tage später mit einem entspannteren Blick auf die Projektbeschreibung muss ich jedoch leider sagen, dass mir manche der Formulierungen nicht mehr gefallen und ich es lieber anders geschrieben hätte. Aber im Moment des Stresses schien das schon ziemlich gut.
Die Kosten
Welche Kosten hat die Arbeit mit Claude Code eigentlich erzeugt? Dank des kostenlosen Abos keine Kosten auf meiner Seite, aber Claude Code kann die Kosten anzeigen, die jemand ohne Abo bezahlt hätte. Bis zum Wochenreset des Verbrauchs am Samstag waren um die 12$ Kosten entstanden und an den 2 Tagen danach weitere 47.29$, siehe unten. Also insgesamt fast 60$ um Lehrinhalte für einen Vorlesungstermin zu erstellen. Und wahrscheinlich sind diese Kosten immer noch nicht die realen Kosten, die bei Anthropic dafür entstanden sind. Im Vergleich zu einem*einer Mitarbeiter*in ist das preislich voll im Rahmen, aber aus eigener Tasche würde ich das nicht zahlen wollen.
Session
Total cost: $47.29
Total duration (API): 1h 14m 55s
Total duration (wall): 4d 21h 46m
Total code changes: 3868 lines added, 389 lines removed
Usage by model:
claude-haiku-4-5: 70.5k input, 2.2k output, 0 cache read, 0 cache write, 2 web search ($0.1013)
claude-opus-5-5: 64.7k input, 373.7k output, 107.3m cache read, 2.3m cache write ($47.19)
Die Konsequenzen
Nachdem ich von einer Freundin massiv für meinen Einsatz von Claude Code kritisiert wurde, hatte ich mich gefragt, wie meine Trotzreaktion aussehen würde. Wäre es ein “jetzt erst recht” und ich würde jetzt wie meine Kolleg*innen vollständig auf generative KI setzen, oder wäre es ein “für die nächste Vorlesung muss ich mir beweisen, dass ich es selber kann”.
Die zweite Möglichkeit ist eingetreten. Ich habe meine Folien für die zweite Vorlesung von Hand erstellt und mich durch die Dokumentation von Typst gewühlt und viel online gesucht. Wäre es mit Claude Code schneller gegangen? Das Layouting definitiv. Aber ich glaube, ich habe was zu Typst gelernt, auch wenn ich immer noch nicht weiß, was der Unterschied zwischen box und block ist. Das einzige AI‑Artefakt, das noch übrig ist, ist das Mikrofonsymbol auf der Titelfolie, um zu erklären, dass diese Vorlesung aufgezeichnet wird.
Was brauche ich, um nicht in die Last-Minute-Falle zu tappen?
Was brauche ich? Eigentlich eine andere Person, die darauf angewiesen ist, dass ich rechtzeitig fertig bin. Aber ein Accountability-Buddy wäre ein Anfang – und nein, damit meine ich kein KI(-gestütztes) System.
Autor*in: Laura
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